Ein Hoch

Das soll ein Hoch werden
denn immer rede ich von Sorgen und Beschwerden
von geschlossenen Türen
von Problemen, die mich zum Auserwählten küren

Doch das soll ein Hoch werden
sowohl auf starke als auch auf schwache Verben
auf alles, was wir mal werden
und auf alles, was wir schon sind

Ich als du und du als Kind
ich bin auf die Welt gekommen
und meiner Mutter sind Tränen in den Arm geronnen
habe ohne Anlass nur geschrien
und sie hat ohne Anlass mir verziehn‘

Und deshalb soll das ein Hoch werden
auf alle Wolfsrudel und Schafsherden
die nichts wären ohne ihre Mamas
außer verdutzt dazustehen wie angespuckte Lamas

Ein Hoch auf gute Werbespots
die besser reinhauen als Tequila-Shots 
auf tagelanges Warten
und nächtelanges Schlafen

Auf Kartoffelschälen
und den Gemeinderat wählen
auf gut ausgebaute Autobahnen
und Navis, die vor langem Stau warnen

Das soll ein Hoch werden
denn was meine Liebsten mal sollen erben
sind keine leeren Worte
nichts von der schlechten Sorte

Ich will keinen Legendenstatus erreichen
oder Ihnen meine schwache Hand reichen
ich will keine Schulden begleichen
oder mit schlechten Geschichten meinen Fehlern ausweichen

Mein Erbe soll nicht von mir sein
sonst wäre es viel zu klein
ich will es nur weitergeben
und damit den erheben
der weiß, wie es geht, das Leben

Denn das soll ein Hoch werden
mit Straßenkreide will ich einfärben
die Leinwand vor deinem Fenster
denn wenn du zuschaust, glänzt er

Der Spiegel meines Ichs
keine Täuschung, keine Tricks
denn es soll ein Hoch werden
auf alles, was mal gefallen ist
was hält, wenn es sich verspricht
was geheilt wird, wenn es mal bricht

Ein Hoch auf all die trockenen Tränen
die ein vergangenes Leid erwähnen
aber jetzt auf schöner Haut schimmern
und nicht mehr wimmern
nach Hilfe oder Annahme

Auf der Suche nach dem eigenen Namen
das soll ein Hoch werden
lass uns mal reiten auf schnellen Pferden
unser Gesicht in den Wind halten
und einfach nur abschalten

Unsere Gedanken in die Satteltasche stecken
und unseren Hals recken
richtung Horizont
richtung das, was kommt
damit wir uns nicht wundern, wenn es kam

Und nicht frieren, wenn wir es auch haben könnten warm
das soll ein Hoch werden
auf Stockbrot über dem Lagerfeuer
auf all die schrägen Abenteuer

Auf Hängematten in Omas Garten
auf Kissenschlachten und andere Kämpfe
auf Chemieaufgaben und andere Krämpfe
auf Tiefflüge über philosophische Gewässer
auf all die Ruhigen und all die Schwätzer

Auf Fragen, wo nur Papa eine Antwort hat
auf alle Momente, wo der Bauch mehr war als nur satt
denn das soll ein Hoch werden
und wenn du mich nicht verstehst, versuch ichs mit Gebärden

Denn alles nur nicht das
kannst du vergessen auf deiner Suche nach dem Wer oder Was
denn hast du mal das Subjekt
fehlt dir nur ein Prädikat
und du kannst eine Geschichte schreiben, dein Unikat

Von wurmigen Wesen
und bockigen Besen
von uralten Mauern
und kalten Schauern
von vergessenen Ideen
und verlassenen Moscheen

Und deshalb soll das ein Hoch werden
weil jeder anders ist
und anders antwortet, auf die Frage, wer du bist

Ein Hoch auf kleine Riesen
auf gemähte Wiesen
die nur gut riechen
weil sie triefen
von harter Arbeit
und grüner Grünheit

Ein Hoch auf Grillen im Winter
auf Momente der Selbstfindung wie bei Simba
du bist ein Königskind, wenn du in die Sonne schaust
und das, was dir gegeben ist, nicht weghaust

Die Leinwand ist bunt
sieh sie dir an
ein Hoch auf Narzisstenschwund
sieh mal was ich nicht kann
denn das ist es – zeichnen und malen

Lass uns mal mit Schwächen prahlen
ein Hoch auf Fehler
auf vergessene Täler
auf ungenutzte Chancen
auf überlesene Annoncen

Denn das soll ein Hoch sein
auf dich und auf mich
auf Leben und auf Licht
auf Stille-Post spielen als kleiner Wicht

Auf das, was wir sind
ich als du und du als Kind
ein Hoch auf das Höhere
auf die Würde und die Ehre

Ein Hoch auf komische Bilder gemalt auf Leinwand
auf Muscheln zwischen den Zehen am Sandstrand
denn das soll ein Hoch werden
ein Hoch auf nach Hause gehen
ein Hoch auf unser Wiedersehen

© Luc-Benedikt Schulte

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