3400 Gramm Gottheit

Blick fixiert, Körper angespannt
Ich halte dich fest mit einer Hand
Die andere bahnt sich den Weg entlang der Wand

»Jetzt einfach nicht fallen lassen«
Schritttempo auf Schnecke minimiert
Nichts kann mich ablenken
Auch wenn der Gegenverkehr mich mit Hupen alarmiert

Ich bin auf einer großen, wenn nicht auf DER größten Mission
Und deshalb immun gegen Schwächeanfälle und Erosion
Wie ein losgelöster Fels in Zeitlupenlawinen
werde ich von meinem Willen ans Ziel geschoben 
»Gleich geschafft! Halt – noch nicht loben!«

Am Ende wird die Luft immer dünn
Meine vollgesaugten Hamsterbacken machen also Sinn
Je näher, desto größer der Druck 
Ich spür die auf Erfolg-hoffenden Blicke im
»Ich weiß wer ich bin, ich krieg das hin!«
Spontanen Identitätskrisen werde ich mich nicht bücken

Ich schau dich nochmal an, eigentlich ganz normal
Klein, zerbrechlich, noch frei von jeglicher Moral
Oder nicht?

Hab dich mir irgendwie anders vorgestellt
Herrlicher, rettender, dachte du bewegst die ganze Welt
Direkt mit Pressekonferenzen und Podiumsdiskussionen
Gespräche mit dem König, nie den Körper schonen

Aber du bist hier in meiner Hand, ohne Einwand
Augen voller Ewigkeit schauen mich an
Augen, die noch vieles sehen werden
Viel mehr und Höheres als ich mir vorstellen kann

Komisch, sich kleiner, unwissender und schwächer zu fühlen
Als dieses kleine Ding
Warum darf ich dich halten, wenn doch alles bei dir anfing?

Pendelgefühl zwischen Scham und Stolz
Dich hineinlegen müssen zu dürfen in eine Wanne aus hartem Holz

Der, der das Licht in die Welt gesprochen hat
Muss nun erst sprechen lernen, Satz für Satz
Die elterliche Romanze „ich zeig dir dann die Welt“ bleibt Traumvorstellung 
Denn da draußen ist nur Hass, Gier und Lüge – reine Enttäuschung

Ich frag mich was du hier willst mit deinem Rettungsbeschluss
Ich habe nicht deinen göttlichen Optimismus
Aber in einer Welt des Kapitalismus
Wird das, objektiv betrachtet, ein saftiger Kurzschluss

Bam, bam, Hammerschläge-Rhythmus
Sie geben dir keinen Handkuss 
Verrat, Kreuz und Tod ist ihre Antwort – dein Ende

Aber das weißt du, deine kindlichen Hände
Schlingen sich wie ein Ring um meinen Finger
Nicht als Glückbringer
Sondern als Ja-Wort, als Versprechen
Denn du hast den Weitblick
Nicht den zum Weinen, sondern den zum Lächeln

Du siehst all die Schönheit in dieser hilflosen Zerbrechlichkeit
Willst uns nicht blenden
sondern ins Licht bringen mit deiner großen Herrlichkeit
Ich will jetzt nur noch auf meine Knie
Demütig meinen Hut vor dir zieh´n
Denn dieser Gottesmoment hat mir Einsicht verlieh´n:

Ließe ich dich jetzt fallen
Fingest du mich wieder auf
Würde mein Lob mal verschallen
Holst du mir Luft, führst fort mit mir diesen Lauf
Hinauf
Hoch
Höher
Befreit
Unbeschwerter
die Pauken schlagen immer härter

Wir sind da, ich leg dich hin
Schenke dir Liebe und Geborgenheit mit einem Kuss auf dein Kinn
Du bist da, bei uns, aufgefangen von dem harten Bett
Jetzt geht es los, damit es dann wieder aufhört- festgenagelt an das Brett

Nein, das wird es nicht!
Vielleicht ein Ende der Sterne, Planeten und Sonnensysteme
Aber es wird einen Neuanfang geben
Den du jetzt bereitest in Vollkommenheit
Du, als meine 3400 Gramm Gottheit

© Luc-Benedikt Schulte

<< zur übersicht


Hinterlasse einen Kommentar