Der erste Sonnenstrahl lugte über den Hügel und schaute in das Zimmer hinein. Das Fenster gab sich die größte Mühe, diesen so zu brechen, dass er mein Gesicht nicht erreichen konnte- doch scheiterte. Ich konnte den Staub auf den Blättern meiner Nachttischpflanze sehen. Es war Staub von bereits drei Tagen, drei Tage lag ich dort, eingehüllt in meiner Decke. Was los mit mir war, wusste weder meine Mutter, die mir immer Essen ans Bett brachte noch ich, die das Essen nie anfasste. Die Haare fielen mir ins Gesicht. Sie umrundeten meine Grübchen, waren aus den Augenwinkeln als ein leicht rötlicher Schimmer zu sehen. Normalerweise trug ich Dutt, doch selbst für einen so einfachen Akt hatte ich keine Kraft. Der Baum im Garten vor meinem Fenster schaukelte im Takt meines Herzens. Alles sah so farbenfroh aus. Alles war es auch, außer ich. Der Hügel vor meinem Fenster sah immer anders aus. Mal als Fluchtort vor fiesen Fragen und Riesenlasten. Mal als Urlaubsort, wo man lange schlafen und spät ins Bett gehen konnte. Und mal als Zuhause, als Ort wo ich mich am wohlsten fühlte. Was wäre, wenn der Hügel nicht vor meinem Fenster wäre? Dann würde ich in die Ferne sehen und es bestände die große Gefahr, mich in ihr zu verlieren. Ohne mich zu bewegen, stellte ich mir ein Leben ohne diesen Hügel vor, ein Leben in der Ferne. Die Ferne gab mir Kraft und ich wollte diese Kraft irgendwie wieder zurückgeben. So war es doch auch mit mir. Die Natur gab mich der Welt und jetzt existierte ich einfach. Was wäre das Leben aber ohne mich? Der Hügel wäre immer noch ein Zuhause, der Sonnenstrahl immer noch der Anfang von dem nächsten Tag. Nichts würde mir Antrieb geben oder aus Lustlosigkeit Motivation machen können, so bildete ich es mir zumindest ein. Ich gehörte also dazu, scheinbar. Die Hagebutten am Baum bildeten ein Muster, das ich versuchte, mit dem Kopf nachzuzeichnen. Es gelang mir nicht. Ich blickte hoffnungslos an die Decke. Wozu war ich gut? Was hielt mich hier? Nichts von dem, was ich hatte. Die Ferne hielt mich hier, das Gefühl, an einem anderen Ort mehr sein zu können. Das Zimmerlicht störte mich, also machte ich es aus. Als ich mich wieder hinlegen wollte, waren da wieder die Hagebutten. Ich konnte noch nicht gehen, nicht endlich Teil der Ferne sein, das wurde mir klar. Ich hatte keine Ahnung, wie Hagebutten schmeckten.
(gemeinsam mit Max Tischler entstanden)
© Luc-Benedikt Schulte
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